Wer jetzt kein Nëst hat, der baut keines mehr und muss es auch nicht. Denn ich hab heut ein Nëst gefunden.
Eines, in dem Blitze über Himmel meandern, bevor sie krachend einschlagen.
Ein weiches Nëst in das man sich behaglich wühlen will
Eines, das Dornen hat, damit niemand schläfrig wird, sondern wach bleibt.
Eines für Töne
Eines für Worte
Eines für den Kopf
und eines für den Bauch
Eines für drei, das auch für vier Platz bietet
Ein Nëst für dich
Ein Nëst für mich
Ein Nëst für dirigierende Augen
Ein Nëst für erleichtes Schnaufen unter Schirmmützen
Ein Nëst, das den Atem stocken lässt
Ein Nëst zum Durchatmen
Ein Nëst für zu Hause
und eines für unterwegs
wenn Wolken türmen, Blitze schlagen und Regen peitschen.
Ein Nëst
Ein Fest
(Leeste, 15. September 2018)

Bald zu sehen: Slam Bremen macht Theater, der große Dichterwettstreit am 13. Oktober, 20 Uhr im Theater am Goetheplatz

Sie mussten uns verwechselt haben. Das wurde mir spätestens klar, als wir die Tür zum Backstage-Raum, der eher ein Understage-Raum war, öffneten: Kuchen, frische selbstgekochte Kartoffelsuppe, Obst, Süßigkeiten, Chips und unzählige Köstlichkeiten, unter denen sich die Tische bogen. Der Blick von Per verriet mir, dass er das selbe dachte: Sie mussten uns verwechselt haben. Offenbar warteten Sie auf die Dropkick Murphys, André Rieu oder Seeed oder vergleichbare Klangkörper in Mannschaftsstärke.

Aber Per Dittmann und ich waren definitiv nur zu zweit – unsere umtriebige Tourmanagerin mal ausgenommen. Aber Per und ich würden es nicht sein, die das Missverständnis aufklärten, soviel stand fest. Dafür genossen wir diesen Anblick zu sehr.

Schon der Soundcheck im V.a.K.u.u.m. dem Epizentrum der Vereinigung aktiver Kulturförderer und unabhängiger Musikfreunde e.V. in Bad Bevensen in der Lüneburger Heide hatte uns stutzen lassen: Mit so viel Druck abgemischt und dennoch kristallklar war Per noch nie durch die Boxen gewummert. War das überhaupt Per? Ja er war es. Leibhaftig. Sah aus wie Per, spielte wie Per, aber klang wie Freddy Mercury mindestens. Mir sollte es recht sein. Und Tonmagier Mirko war zufrieden.

Es blieb also noch ein bisschen Zeit, bis sie merken würden, dass wir nicht die Roadies für ichweißnichtwen waren, sondern bereits die Band. Gleich würde es soweit sein, der Saal füllte sich, wir wurden fürstlich behandelt und wussten, dass der Moment der Wahrheit näherrückte. Bald würden wir auffliegen und in die Trostlose Lüneburger Heide hinausgejagt werden.

Doch dann geschah Merkwürdiges: Als Charly am Ende seiner Ankündigung angekommen war, sagte er unsere Namen. Unsere. Die meinten tatsächlich uns. Unfassbar. Getragen von so viel Liebe gingen wir denn auf die Bühne, sangen sprachen, fluchten, seufzten bis wir uns in den Armen lagen und die Diskokugel mit uns um die Wette leuchtete. Danke, Bad Bevensen, danke, V.a.K.u.u.m., danke Per. Ich wollte nirgends anders sein als in Good Bevensen.

PS: Das Klappern unserer Gästebuchschreibmaschine “Princess 200” klang noch nie so schön. Süßer die Tasten nie klackern…

 

Weihnachten kann alles sein

(Sven Kamin)

Weihnachten kann alles sein,
Ein Tannenzweig, ein Gänsebein,
Ein bisschen Stress und bunte Karten,
Aufgeregt aufs Christkind warten,
Plätzchen backen, Weihnachtsschmuck,
Ein dicker Kuss, ein Händedruck,
Lieder singen mit Familie,
Festtagssuppe, Petersilie,
In Geschenkpapieren wühlen,
Sich noch mehr alleine fühlen,
Leises Flüstern, lautes Schrei’n –
Weihnachten kann alles sein.

Ihr Wundervollen,

what goes up, must come down, must come UP!

Die vergangenen Tage haben mich ganz schön durchgeschüttelt. So viel Glück, so viel Anspannung, so viel Erleichterung, aber auch so viel am Boden zerstört sein.

Ihr alle habt geschafft, was nicht denkbar schien: Ihr habt mir nach dem Hoch am Freitag und dem Absturz am Samstag mit Euren Botschaften, Genesungswünschen und Gedanken ein neues Hoch am Sonntag geschenkt. Zu sehen, dass in Stunden des Triumphes so viele von euch da sind und mitfiebern ist wunderbar – dass aber, wenn es einem dreckig geht, einfach noch mehr von Euch da sind, das macht mich sprachlos und dankbar für diese Tage von Hannover.

Ich freu mich auf ein Wiedersehen, ein Wiederhören, ein Wiederschreiben und ein Wiederreden.

ich bin ein glücklicher Mensch. Ich danke Euch ALLEN!

Bis bald

Sven

Und das soll einem jemand glauben? Ein Regenbogen, der sich über das Spielfeld spannt, ein Hummer, der ein Tor schießt, ein Ball geht an den Pfosten (in diesem Fall gut) bevor der FK Interslam – was für famose Menschen – auf einem liegt und die Hools deinen Namen schreien.

Dann eine barocke Galerie, in der ein Mikrofon wartet. Fünf Minuten im Rausch, 20 Minuten ausgeschieden alles noch Revue passieren lassen. Dann ein Jörg: Du bist vielleicht noch drin. Dann ein Arne: Dein F-Wert ist negativ – und das ist gut. Dann Sprechen, Spätzle, Bangen blicken. Dann Mona: Du bist dabei. Finale. Morgen. Opernhaus. Der NDR streamt. Wir werden auf Sendung gehen. Jetzt

debiles Grinsen.

Erst wenn ich morgen noch Muskelkater habe, werde ich es akzeptieren, dass das wirklich so passiert ist.

Platt unter der Discokugel – ein Mann steht auf für seine Sprache. Und wir sind dabei. Unter Kronleuchtern und Discokugeln im Tanzsaal steht dieser Mann und alles ist hip und hot und hochdeutsch. Und dann kommt Jan. Es sind die deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Jan Ladiges trat an für den Wedel Schädel Poetry Slam. Und wie er das tat. Alles ist hip und hot und hochdeutsch und dann zeigt uns dieser Mann, warum wir das hier alle machen. Eben nicht für die Punkte, sondern um zu zeigen was Sprache kann, was wir können und was andere können, fünf Minuten eine neue Welt ans Mikrofon zaubern. Und Jan Ladiges holte Plattdeutsch zum größten Live Literaturfestival Europas. Punkte? Wer braucht Punkte? Haltung? Eine glatte 10! Die dickste 10 des Abends. Jan Ladiges steht auf für seine Sprache. Und Poetry Slam ist vielleicht genau das: Aufstehen für unsere Sprache. Danke, Jan!

War was? Ja, es muss etwas gewesen sein. Die Kehle schmerzt, die Augen rot, die Ohren sausen, der schwache Leib schleppt groggy sich die Stufen hinauf an diesem grauen Morgen. Und dann leuchtet es petrol metallic aus einem Schuhkarton. Und alles, alles ist wieder da. Der Rausch, ein volles Theater, die Worte, die Menschen – und Tom Petty.

Die Kehle schmerzt,

weil wir geredet haben – im Radio, an Telefonen, in Garderoben, auf der Seitenbühne.

weil wir gefleht haben, zu Menschen, zum Himmel und auch zu Bahnfahrplänen, zu Technikern, zu Poeten und zu Menschen, die noch nicht wussten, das sie bald Publikum sein würden.

weil wir es hinausgeschriene haben: Namen, Punkte, Orte, Uhrzeiten. „Es ist ZwanzigUhrVier…“

Die Augen rot,

weil sie jeden Tag der vergangenen Woche auf einen Saalplan starrten, bei dem – wie in einem höllischen Reversi-Spiel – sich die blauen Punkte nicht grau färben wollten, egal was wir taten.

But we won’t back down… denn in Bremen ist Tom Petty noch nicht tot.

Der Leib so schwach,

weil uns der Regen auf dem Weg in die Radiostudios durchnässte, wusch und reinigte, klar und kalt.

weil wir gelaufen sind, durch vertraute Innenstädte, durch uns unbekannte Theatergänge und Garderoben, über Grenzen hinweg, ins große Weite hinaus, bis wir zu Hause waren, bei uns.

weil uns ein Xavier (wie sollte dieser Name auch Gutes verheißen?) zu Umwegen Zwang – nach Hannover, nach Oldenburg, in den Hamburger Osten – um Menschen an Bord zu nehmen, die gestrandet waren, die uns zur Hilfe sprangen und pures Gold in ihren Herzen und auf ihren Textblättern mit sich trugen.

Weil sie uns nahmen und herumwirbelten, der Tobi, die Helene, die Eva, der Bernard, der Sven, der Florian, der Mirko und die Janina. Raus aus einem Herzen, in das andere hinein – zwei Tonnen Text im Ringelrein.

Into the great wide open… denn in Bremen ist Tom Petty noch nicht tot.

Und dann brach sich der Zauber Bahn. Die Wege öffneten sich, die Hände und Räder griffen ineinander, die Buchstaben und Radiowellen gingen ans Werk und das höllische Reversi-Spiel wurde ein grandioser Sieg … und vielleicht klingelt auch jetzt noch das Telefon in der Pförtnerloge …

Der Rest war free fallin‘, und zwar aufwärts in den Rausch – getragen und umtost von Hunderten vor uns und Dutzenden hinter uns, um uns, bei uns.

bis schließlich, als der Morgen graute, wir uns in einem guten alten Lagerhaus auf einer guten alten Tanzfläche in gute alte Brummkreisel verwandelten.

We were learning to fly … und in Bremen ist Tom Petty noch nicht tot.

Fotos: Thomas Schmidt / Renate Glinka / Sven Kamin

Am 7. Oktober 2017, fand im ausverkauften Bremer Theater am Goetheplatz der erste Slam Bremen macht Theater statt – Eine Kooperation vom Theater Bremen, dem Kulturzentrum Lagerhaus, dem Slam Bremen, dem Slammer Filet Bremen und Macht Worte! Hannover.

 

Es rumpelt im Bauch des alten Frachters. Wenn schwere Holzbohlen unter Stiefel- und Turnschuhsohlen ein polternd schwankes Eigenleben führen, dann ist das für einen Wettstreit der nur durch wenige Zentimeter Stahl von den Elbwellen getrennt ist, gar keine schlechte Ouvertüre. Ist das Regen, der da wütend auf das Deck peitscht und wie Kettenrasseln im Frachtraum wiederhallt? Und selbst wenn nicht. Dieser Ort ist Zuflucht heute Nacht:

Dor buten geiht de Welt to kehr,
doch wi, wi sünd binand.
Wi hier binnen holt us fast
Un buten bruust een Storm över dat Land

Wi snackt, wi swiegt, wi ween tosamen
Un mennigmool weert lacht,
Und wann de Storm ok höölt un bruust
Wi sünd binand in düsse Nacht.

Und wir denken an die, die es vielleicht nicht so trocken haben in dieser Nacht, besonders weil Kampf der Künste zum Benefizslam zu Gunsten von Hinz&Kunzt gerufen hatte. Hinz&Kunzt ist das auflagenstärkste deutsche Straßenmagazin und wird seit 1993 im direkten Straßenverkauf von obdach- und wohnungslosen Menschen oder Menschen in anderen prekären Lebenslagen vertrieben. Soweit ich weiß, kaufen die Verkäufer eine Ausgabe selbst für 1,10 Euro und verkaufen sie dann für den festgelegten Verkaufspreis von 2,20 Euro weiter. So sind sie nicht auf Almosen angewiesen, sondern tragen selbst zu ihrem Lebensunterhalt bei. Ganz nebenbei ist das echt ein ziemlich gut gemachtes Heft mit vielen spannenden Ideen und einer Perspektive, die andere Magazine nicht bieten (können).

Zusammen waren wir also, die Victoria Helene, die natürlich blonden Philipp und Johannes, Zoe, Hinnerk, Elisa Rasmus, Helene, Lucia und Johanna. Und es war nicht nur ein bisschen spannend, dass das Backstagekabuff ein Escape-Game-Raum war. Nicht auszudenken, wenn da jemand die Tür, also so ganz aus Versehen, zufällig zugemacht hätte und keiner von uns bis zum nächsten Benefizslam das Licht der Sonne nicht mehr wiedergesehen hätte.

Oder doch: Die Hamburger Slam-Landschaft wäre mit einem kurzen Blick in die Runde natürlich nur bedingt ärmer geworden, wenn auch Arne Poeck vermutlich nicht mehr ganz so viel zusammenzufassen gehabt hätte in der nächsten Zeit.

Nein, mehr als Gevatter Slam hätten wohl wir selbst gelitten. Denn das hoch komplex wirkende Räderwerk, das die kompletten Wände bedeckte, wäre von praxisfremden doppellinkshändern wie uns sicherlich nicht zu entschlüsseln gewesen. Nachdem uns nach wenigen Tagen das mitgeführte Papier und zudem jegliche Stromreserven ausgegangen wären, hätten wir, wie es Autoren – und ja ich nenne sie mit auch wenn es gerade nicht eben vorteilhaft für sie ist aber mitgeschlendert mitgegendert – Autorinnen nun einmal eigen ist, Klageschriften mit Kronkorken in die Wandfarbe auf kühlem Stahl geritzt. Hinnerks Kreuzfahrttexte wären dann gänzlich ohne Spaß dahergekommen. Helenes Anita hätte sich winselnd in die Ecke verkrochen, Zoes Wüste noch ein bisschen staubiger, Lucias Füße noch zertanzter, „natürlich blonds“ Sehnen noch ein bisschen verzweifelter, Victorias Selbstaufgabe – nachdem sie sauber gemacht hätte – noch fataler und Johannas Bilder noch finaler … Aber es hat ja keiner die Tür zugeschoben, so ist dieser Kelch an uns vorbeigegangen und die frische Hafenbrise hatte eine wackere Schar unverzagter Texter schließlich wohlbehalten wieder.

Als ihre Worte sich über die Bucht erheben, gleitet der Segler lautlos hinter den mächtigen Bäumen hervor. „Und das Schiff mit acht Schädeln …“ klingt es kurz irgendwo in mir als das grotesk bunt beleuchtete Segelschiff die mondbeschienenen Wellen des Stroms teilt. Ist das Khaaro? Ist das Brechts Seeräuber Jenny? Ist das Seeräuber Khaaro?

„Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
Und man fragt „Was ist das für ein Getös?“
Und man wird mich stehen sehen hinterm Fenster
Und man fragt „Was lächelt die so bös?“

Nein, sie lächelt gar nicht bös – gibt ja auch gar keinen Grund. Dieser Wedel Schädel am Strand soll für immer sein. Denn dieser Abend hat so viel Gutes im Laderaum: Die Stimme, die Songs, das Lächeln von Alina Ziegenbein, den augenzwinkernden Schnöselcharme von Sebastian Stille, ein „V“ wie Monika Mertens’ Vendetta gegen Büro-Bullies. Jan Ladiges zerlegt seinen Lidl und Leonie Lastella einen IKEA und ihren Horst. Arne Poeck zerlegt sich selbst, aber auch die Sprache und Wehwalt Koslovsky setzt sie wieder zusammen und schickt sie in die Umlaufbahn zum Sirius. Dabei funkelt der Mond auf den Wellen und ein Moderatorenherz ist übervoll von Glück.

Und Seeräuber Khaaro entführt den Pokal in die Nacht.

„Und das Schiff mit acht Schädeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir.“

 

 

 

Dieses Gewölbe, kathedralengleich, und diese Menschen, titanesk. Auf Schicht. Mit Schichtleiter Jason Bartsch am Mikrofon. Da wird die Arbeit mindestens zum Vergnügen. Das anliegende Werkstück: Die Hamburger Stadtmeisterschaft 2017. Und was das für ein Werk wurde. Sex wurde da verhandelt und Drugs und Religion. Der alte Bruder Rock ‘n‘ Roll hingegen war zu Hause geblieben. Da hat er was verpasst. Das unablässige Prasseln von Danny Grimpes Fingern auf die Tickertastatur, während derselbe dabei einem Rembrandt-Gemälde entsprungen schien. Applaus in Wellen, in Schüben, in Wogen, eingehaltene und gerissene Zeitlimits, Hoffnungen, Träume, Wünsche. Ein großes Werk. Und am Ende war Stille.

Jetzt gilt es, den Dreck aus der Arbeitsjoppe zu klopfen und in die Hawaiihemden zu gleiten, es geht weiter zur nächsten Schicht am Strand.